"Die widerspenstige Hand" - Eine Buchbesprechung von Ferdinand Sturm

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Autor Nils Dorenbeck bei einer Lesung aus "Die widerspenstige Hand" (Photo: Lehmanski)
Der Autor bei einer Lesung aus "Die widerspenstige Hand" (Photo: Lehmanski)

Da sitzt er nun an diesem lauen Frühsommerabend des Juli ‘25, unser verhinderter Redakteur Friedrich Heinrich Findeklee, auf dem Podium der Buchhandlung BiBaBuZe zu Düsseldorf und rezitiert aus seinem jüngst erschienenen Roman „Die widerspenstige Hand“. Was hat er die Chefredaktion des „Le Journal“ – mehrfach berichteten wir auf unserem Blog über diese kleine Gazette – doch für Nerven gekostet! Weit nach Redaktionsschluss erreichten uns Ausgabe um Ausgabe die schriftlichen Begründungen, warum sich Friedrich Heinrich nicht in der Lage sah, uns einen hochheilig versprochenen Artikel zu liefern. In größter Not und um die leeren Seiten noch zu füllen, druckten wir die immerhin stilistisch höchst ausgefeilten Absagen des „verhinderten Redakteurs“ (siehe unten). Stets schlossen sie mit seinem Wunsche, man möge ihm einen Platz in der nächsten Ausgabe freihalten, es sei Großes von ihm zu erwarten. Innerlich hatten wir längst abgewunken ob dieser arg aufschneiderischen Ankündigung: HA! Was solle es denn sein, dieses „Große“, wenn er doch nicht einmal einen Artikel von 8000 Anschlägen zustande brächte!?

 

Nun muss ich Buße tun ob meines Spotts über den verhinderten Redakteur, angesichts seines Werkes, zu dessen öffentlicher Lesung ich mich heute eingefunden habe. Nicht der Name Friedrich Heinrich Findeklee ziert allerdings den grünvioletten Einband, sondern das markig-westfälische Pseudonym Nils Dorenbeck. Es wunderte mich nicht, wenn sein Verlag hier korrigierend eingegriffen hätte: Findeklee sei nun wirklich kein Name, mit dem ein Jungautor reüssieren könne, selbst wenn er die Fünfzig bereits überschritten habe, mit einem solchen Namen werde man ihn weder verlegen, noch in Leipzig auf der Buchmesse vorstellen!

 

Zugegeben, eine kühne These meinerseits, aber ob Findeklee oder Dorenbeck, was es denn nun mit dieser „widerspenstigen Hand“ auf sich habe, wollen Sie endlich wissen?! Nun, in einer Zeit, da der Mensch vornehmlich noch an die Unversehrtheit seines Willens glaubt und sich die Hand als bloßes Werkzeug des Geistes wähnt, erzählt der Autor die Geschichte eines Mannes, der dieser Illusion beraubt wird – schmerzhaft, unentrinnbar und vielleicht: befreiend.

 

Martin Heimann, eine stille Figur, verunsichert und bürgerlich im Auftreten, erleidet einen unbemerkten Schlaganfall mit bemerkenswerten Folgen: Seine linke Hand zeigt sich plötzlich als autonomes Subjekt! Sie greift, eigenmächtig und fast schon programmatisch, nach der Kehle seiner Geliebten. „Das war ich nicht!“, versucht Heimann Polizei und Staatsanwaltschaft vergeblich zu überzeugen: Untersuchungshaft wird angeordnet. Auf Geheiß seiner Verteidigerin, die ihrem Mandanten Entlastendes zu entlocken hofft, beginnt Heimann zu schreiben. Oder vielmehr: Die Hand beginnt zu schreiben. Sie, anarchisches Organ und augenzwinkernde Ich-Erzählerin, wird zur Chronistin einer im Staub eines katholischen Pfarrhauses verschütteten Kindheit: Heimann, unerlaubt gezeugt im Schatten des Kreuzes, im Widerspruch zur Dogmatik, erzogen in der Pflicht zur Unsichtbarkeit und zu ewigem Schweigen.

 

Gespickt mit bisweilen anarchischem Humor verhandelt der Roman die Frage nach dem freien menschlichen Willen – nicht im luftleeren Raum der Philosophie, sondern dort, wo sie sich manifestiert: im unkontrollierbaren Körper, im verwundeten Gedächtnis. Es ist die Erzählung eines Organs, das aufbegehrt – nicht nur gegen seinen Träger, sondern gegen die Lügen, denen dieser so lange diente. Doch was führt sie im Schilde, die Hand? Stürzt sie Heimann ins weitere Verderben – oder wird sie ihn befreien?

 

„Himmel!“, mögen Sie denken, „was für ein dunkles, mich in tiefste Abgründe ziehendes Werk! Und das soll ich mir aufs Nachtschränkchen legen? Nimmer!“ ­– „Mitnichten!“, antworte ich Ihnen! Denn wenn Dorenbeck auch mit chirurgischer Genauigkeit Seelenzustände seziert, so tröstet er zugleich mit literarischer Schönheit und Findeklee’schem Humor. Das Kapitel, in dem Heimann vom richterlich begutachtenden Röntgenarzt Ingerfeld zu erheblichem Alkohol-Konsum verpflichtet wird, während dieser jubiliert, weil er ein seltenes medizinisches Syndrom in die Röhre schieben darf, gehört zu den köstlichsten Szenen der jüngeren Literatur: „Hoch erfreut sei er – Ingerfeld. Ich zerrte an seinem Kittel. Er packte mich und strahlte: Eine anarchistische Hand. Er hielt Heimanns Arm wie einen frisch geangelten Wildlachs in die Höhe und staunte.“ Und draußen auf dem Flur schmettert der Heimann bewachende Polizist „Je ne regrette rien“!

 

Und mit welcher Poesie erzählt der Autor von der sich scheu anbahnenden Romanze zwischen Heimann und seiner Verteidigerin, bei der seine Hand natürlich auch die Hand im Spiel hat: „Ich hielt Heimann die Augen zu. Er nahm mich von seinem Gesicht. Erblauten Ulrikes Augen? Grünten sie?“

 

Herrlich, oder? Lieber Friedrich Heinrich, warum hast du nur nichts gesagt? Wir hätten dir jede Verhinderung verziehen! Unnötig, dich in dunklen Hauseingängen zu verbergen, damit ich dich bei zufälligen Begegnungen wegen eines erneut verstrichenen Redaktionsschlusses nicht zur Rede stellte. Welch kindisches Versteckspiel! Gärte doch in deinem Kopf bereits dieser ebenso literarisch verblüffende wie stilistisch betörende Roman, den ich mit Freuden verschlang – und der nach 130 Seiten endete. Ich wünschte fast, du hättest 400 verwendet auf diese Geschichte, so ungern klappte ich das Büchlein zu. Einerseits. Andererseits schließe ich selbst zu lange Briefe gelegentlich mit dem Bonmot: „Es tut mir leid, dass ich so viel geschrieben habe, aber ich hatte zu wenig Zeit.“ Nachdem ich in der Lesung hörte, du hättest zwanzig Jahren an diesem Buche gearbeitet, bewundere ich nicht nur deine sture Ausdauer, sondern verstehe auch, warum in „Die widerspenstige Hand“ kein Wort zu viel zu finden ist – und kein Wort zu wenig. Chapeau!

 

Ferdinand Sturm

 

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Hinweis für Nichteingeweihte, die meinem kleinen Streich aufgesessen sind: Selbstverständlich ist Friedrich Heinrich Findeklee ein Pseudonym des Autors Nils Dorenbeck – und nicht umgekehrt. Dorenbeck verfasste unter diesem Pseudonym die Beiträge des „verhinderten Redakteurs“ für drei Ausgaben des „Le Journal – Magazin für mondäne Unterhaltung“, nachzulesen auf den letzten Seiten der Ausgaben N°7 bis N°9: https://www.boheme-sauvage.com/le-journal

 

Der MaroVerlag stellt „Die widerspenstige Hand“ hier vor: 

https://www.maroverlag.de/prosa/293-die-widerspenstige-hand-9783875126785.html

Ph
otos von links:
- der Autor und sein Rezensent, Buchhandlung BiBaBuZe, Düsseldorf  3.7.25
- das Werk und seine Inspiration
- der Autor in Leipzig (Buchmesse)
- der Autor als er selbst (oder ist es doch F.H.Findeklee?), Photo: SCHIKO
 


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